The Watchmen

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3–5 Minuten

😭

Vor kurzem habe ich auf Bluesky einen Post gelesen, zum Thema passive Sprache und das Problem dahinter. Der Inhalt war simpel. Die Posterin hat darauf hingewiesen, dass wir von Gewalt an Frauen sprechen und nicht von männlicher Gewalt gegen Frauen. Sie nannte noch andere Beispiele. Bei allen war die Verschiebung die Gleiche. Schäden, Verletzungen, Rechtsbrüche, Grenzüberschreitungen die von Männern, groß bis klein, begangen wurden, wurden zwar als Problem erkannt und eingefasst, aber nicht aus Perspektive der Täter, sondern aus der Opferperspektive.

Diese Strategie oder um es weniger verschwörungsmäßig zu sagen, verinnerlichte Praxis, gibt es in vielen Bereichen. Meist sind das Bereiche, wo eine Mehrheit oder andere Gruppen die sich Meinungsmacht leisten können versuchen ein Thema zu kontrollieren. Um notwendige Debatten zu verhindern, oder zu verschieben. Ein Beispiel sind Schäden und damit verbundenen Kosten die durch den Autoverkehr entstehen. Meist wird eine Fahrradfahrer:in angefahren. Manchmal wird sie sogar von einem PKW oder LKW angefahren. Selten überfährt eine Autofahrer:in eine Fahrradfahrer:in. Oder Polizeigewalt. Da wird ein Mann bei einer Kontrolle verletzt. Nicht: Polizei misshandelt Mann bei Kontrolle. Und so sprechen wir auch über männliche Gewalt.

Thema: Vergewaltigung.

Eine Frau wurde vergewaltigt.
Nicht: Ein Mann hat eine Frau vergewaltigt.

Thema: Belästigung

Eine Teenagerin wurde belästigt.
Nicht: Ein Junge hat ein Mädchen belästigt.

Thema: Häusliche Gewalt

Eine Frau von ihrem Mann misshandelt.
Nicht: Ein Mann hat seine Frau misshandelt.

Was wie ein Kleinigkeit wirkt, ein Satzbauthema, ist in Wirklichkeit eine hinterlistig präzise Fokusverschiebung. Die Rolle der Frau wird problematisiert. Und dann stellen wir uns als Gesellschaft – wenn überhaupt – betroffen die Frage: Wie kommt es dazu dass Frauen so oft zu Opfern werden?

Die Antwort ist so einfach wie schlimm. Sie werden zu Opfern gemacht. Von Männern. Das Problem ist nur, allein diese Antwort formulieren zu müssen, ist genug Ablenkung. Denn durch die Fokusverschiebung stellen wir – vielleicht gut gemeint – bereits die falsche Frage.

Die richtige Frage ist: Wie kommt es, dass so viele Männer zu Tätern werden?

Hups, was jetzt? Ist die Antwort auf diese Frage genauso einfach zu beantworten? Viele sagen ja. Viele sagen, das kann man doch nicht verallgemeinern. Das sind ja nicht alle Männer. #notallmen Vorsicht, Blendgranatenalarm.

Warum werden so viele Männer zu Tätern?

Was ist da im Wasser? Was in der Muttermilch? Was im Umfeld? Wer auf die Idee kommen sollte, dass es evtl. die Natur ist, die männliche, siehe hier:

Penis is as Penis does.

Das y-Chromosom ist es also schon mal nicht. Das ganze Natur-Argument ist schwer ernst zu nehmen, wenn fast alle gesellschaftlichen Riten, Traditionen, Normen, an die wir uns so bitterlich klammern ein Produkt der letzten einhundert, zweihundert Jahre sind.

Das Natur-Argument ist in dem Moment gestorben, in dem du dich entschieden hast morgens angezogen aus dem Haus zu gehen.
Also, nochmal: Warum werden so viele Männer zu Tätern?
Was sind die Ideen, die Vorstellungen, die Bedürfnisse, die Männer zu Tätern machen? Wo kommen die her?

Aktuell setzen sich mit dieser Frage fast nur Feministinnen auseinander. Was verständlich ist. Sie sind die Opfer. Sie sind es, die in Gefahr sind. Zuhause, auf Arbeit, im öffentlichen Raum, bei Veranstaltungen, bei Festen, in der Bahn, in der Warteschlange bei ALDI …

Männer schweigen. Bequem. Aus Ignoranz? Aus Desinteresse? Zudem scheint es unter Männern eine weit verbreitete Angst zu geben, sich diese Frage zu stellen. Das können wir ja gemeinsam tun. Nur eins ist wichtig, es geht hier nicht um irgendeinen kritischen Männlichkeits-Scheiß und kein, buhuhu, wir sind doch die Opfer über die niemand spricht. Das ist nicht das Thema. Ja, Männer können auch Opfer sein. Ja, Männer können auch diskriminiert werden – gerade wenn sie nicht weiß sind. Ja, Männer sind auch unter den Unterdrückten zu finden. Aber selbst dann, von wem geht die Unterdrückung, die Diskriminierung, die Gewalt fast immer aus? Richtig.
Und hier sind wir wieder. Back Again. Same old story, same old question:

Warum werden so viele Männer zu Tätern?

Wird es nicht Zeit, diese Frage endlich zu beantworten. Ehrlich. Schonungslos. Gemeinsam?

Ich sage nicht, dass diese Frage nicht diskutiert wird. Ich sage nicht, dass es auf diese Frage nicht schon einen Haufen guter Antworten gibt. Ich sage nur, dass es Zeit wird, nicht nur daneben zu stehen, still, und zuzusehen, wie Personen sich an dieser Frage und an der Lösung des Problems abarbeiten. Während die Mehrzahl schweigt. Die Männer. Die im Zentrum stehen. Die allein in der Lage sind, eine Änderung herbeizuführen, weil sie es sind, die sich ändern müssen. Das ist schwer. Denn es fordert einzugestehen, was man vielleicht selbst getan hat. Was der eigene Anteil ist. Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt. Diese Frage dient nicht der Anklage, sondern der Selbsterkenntnis. Denn die Selbsterkenntnis führt zur Emanzipation von den Umständen und Strukturen, den Glaubenssätzen und Bedürfnissen, die zentraler Teil, Antrieb des Problems sind. Zur Anklage dienen die Fakten.

Schluss mit zusehen.

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