Ist es nur ein Gefühl oder werden Männer mittleren Alters überdurchschnittlich oft mit teurem Fotoequipment gesehen? Oder wird teures Fotoequipment überdurchschnittlich oft mit mittelalten bis älteren Männern gesehen? Wie es auch ist, was hat es auf sich, mit dem Mann und den Dingen?
Die Beobachtung, dass die kostspieligen Objektive einer Kamera phallische Ähnlichkeit aufweisen ist nicht bahnbrechend. Sie ist geradezu langweilig. Nichtsdestotrotz erwähnenswert. Dazu die auf anekdotischer Evidenz beruhende Erkenntnis, dass Männer auf Technik stehen. Die neueste WLAN-Access-Station, Smartphone-Halterung an der Windschutzscheibe, Wetterstationen vor dem Fenster, die neueste Smartwatch am käsigen Handgelenk (gerne das Modell für den Extremsportler, man weiß ja nie, wann man spontan zum 8000er aufbricht) und last and least, das Multifunktions-Tool in der praktischen Tasche am Gürtel. Jederzeit bereit, wenn the Shit hit the Fan – zu versagen.
Diese scheiß Gefühle.
Gibt es wirklich keine Alternative zu Linux oder Ubuntu oder Rindfleisch oder what the fuck? Zum Glück gibt es da diesen einen Bekannten, nennen wir ihn Jörg, der bei jeder sich bietenden unpassenden Situation bereit ist, diese Frage in voller Ausführlichkeit zu beantworten. Gerade wenn man sich die Frage nie gestellt hat oder schlimmer, bereits eine zufriedenstellende Antwort gefunden hat. Hat Jörg Freunde, mit denen er sich über das nagende Gefühl im Sein unterhalten kann? Weiß er, dass sich hinter dem Gefühl womöglich die Angst vor Wert- oder Bedeutungslosigkeit versteckt? Wer weiß?
Komisch, Frauen erzählt Jörg nie von Ubuntu, da konzentriert er sich darauf zu erklären was die jeweilige Gesprächspartnerin, in einer beliebigen Situation falsch macht, falsch verstanden oder einfach nicht wissen kann. Aber dafür ist er ja da, der Jörg. Hilfsbereit sein. Nützlich.
Nützlich sein ist so wichtig, auch wenn es für manche bedeutet, dass sie einem unschuldigen Verwandten erklären müssen, was die Vorteile von Linux sind.
Oder welcher DSL-Vertrag am günstigsten ist.
Oder warum Wärmepumpen nicht funktionieren.
Oder der Klimawandel nicht existiert.
A slippery slope it is.
Der Weg von der Wissensinsel zum faktenaversen Realitätsbaukasten ist kurz.
Das wohlige Gefühl mit dem Android-Betriebssystem die richtige Wahl getroffen zu haben. Oh du süßer Nektar.
Vielleicht ist es eine Mutmaßung, aber mir drängt sich die Überzeugung auf, dass der Teil der Bevölkerung, dem ständig erzählt wird, alles unter Kontrolle haben zu müssen oder den Helden zu spielen hier etwas überkompensiert. Dabei aber bei jeder sich nicht bietenden Situation emotional vollkommen überfordert ist. Ich nenne es kognitiver Pimmel Druck (KPD). Oder ist cognitive dick urgency (CDU) besser?
Kontrolle. Expertise. Das Gefühl der Überlegenheit.
Detailfetisch zu Wahn zu Detailfetisch zu Wahn zu zu zu gut, um der Überforderung zu entfliehen. Etwas nicht zu verstehen ist eine Bedrohung. Also darf es nicht sein. Kann es nicht sein. Durchblick und Fachwissen ergo Kontrolle, ergo Dominanz, ergo Mann. Gegen jeden Widerstand, vor allem im Hirn. Wuff Wuff. Gerade der Fachidiot neigt zum selbsterklärten Universalgenie. Auch wenn das Fach nur die Größe einer Streichholzschachtel hat.
Es ist einfacher eine krude Theorie zu verteidigen. Und noch einfacher ist es den Bumms-Glasfaser-Tarif mit seinen Details gegen den von was weiß ich abzuchecken. Zurück zur Technik, bitte, zurück zur Technik, dieser fantastischen Berechenbarkeit. All I need is a Betriebsanleitung. (Die ich dann aber nicht lese, weil, ha!, sowas brauch ICH doch nicht.)
Dieser Zustand ist kein Ort der Ruhe. Er zehrt den Mann aus. Lässt ihn dünn werden, angekratzt, verwundet. Wieder etwas das nicht sein darf. Eine einzige Abnutzung der von Beginn an spärlichen Substanz. Ist das ein Grund für Mitleid? Nicht unbedingt (siehe: Trauma und Selbstgerechtigkeit). Aber es ist wichtig zu verstehen, was sich im MannMannKopf vielleicht abspielt: das Dilemma, der Abnutzungskampf, das verzweifelte herumstochern, ohne ein einziges erprobtes Werkzeug zur Verfügung zu haben.
Der Mann als sprachloser Vollpfosten, verloren im inneren Diskurs der eigenen Bedeutung, Bedürfnisse und Wirkung.
Hybris in jedem Hoden.
Der ganze Organismus wird zu einer einzigen Kompensationsmaschine. Wo sollen sie hin, die Gefühle für die es keine Worte gibt. Oder was ist mit den Worten, die den Gefühlen Ausdruck verleihen, aber nicht hineinpassen, in das mit so wenig Finesse gezeichnete Selbstbild. Wie ein Wurm am Haken windet sich der Mann, weiß nicht was das alles soll, weiß nur, dass er nicht nicht wissen darf. Der Welpe ist so süß und das eigene Versagen so traurig. Das alles muss wohin. Das alles braucht einen sicheren Rahmen, einen Rahmen, der es erlaubt die harte Schale abzulegen, um den gefühlsduseligen Glibber darunter etwas Luft zu gönnen.
Das Objektiv wird zum besseren Penis. Es funktioniert, stolz in Form, Technik. Ein Werkzeug der Perfektion, das jederzeit scharf stellen kann. Seine Potenz darf klare Grenzen setzen, Lichtstärke, Brennweite. Eine beneidenswerte Position die selbstbewusst spricht, wenn Du dich außerhalb aufhältst ist es deine Schuld, wenn ich nicht kann, innerhalb … wow, was für ein mächtiges Werkzeug.
Oh Schönheit, komm zu Hilfe
Und so kommt es, dass sie niederknien, die Kamera als Flak-Ersatz im Anschlag, das Objektiv prall in die Welt hineingereckt, auf der Jagd nach dem perfekten und drei Millionsten Bild der Rohrdommel. Oder das ebenfalls tausendfach nie gesehene Motiv, des mit Rosen drapierten Busens der professionellen Tänzerin, die ihr prekäres Einkommen als Aktmodell aufstocken muss, weshalb sie auf die hastig im Copy-Shop vervielfältigte Anzeige reagiert, die mit schwarzem Isolierband an der Fußgängerampel vor ihrem Fitnessstudio für Frauen klebt. Da liegt die Kunst nicht im Akt, sondern in der Fähigkeit selbst im Verzweifeln noch von den eigenen Privilegien und systemischen Ungerechtigkeiten Gebrauch machen zu können und in der patriarchalen Arena auszuteilen. Zum Glück erzeugt die Egozentrik einen wohltuenden blinden Fleck, der die Auswirkungen, Konsequenzen und Schäden seines Handelns verdeckt. Damit die sauteure Pimmellinse frei von Verantwortung weiterwandern kann, getrieben von der Sehnsucht nach dem einen schönen Bild, das vorher noch niemand (außer jeder andere) gemacht hat.
Und da ist es,
die knackscharfe Nahaufnahme,
die Blume am Wegesrand im Park um die Ecke.
Der Krokuss,
oh der Krokuss, siehst du ihn nicht?
Wie er da steht.
Gefäß der Poesie,
du Sinnbild der Zärtlichkeit,
sei du für mich Mensch,
Gefühl und Träne der Rührung.
Oh Schönheit,
erlöse uns von der Last der täglichen Ambiguität. Du blaue Blume der Romantik.
Doch da lauert sie schon wieder, die Ambivalenz. Wenn die Suche nach dem Schönen, der Romantik wieder nur festhängt, im Stereotyp, im Abbild vom Abbild vom Abbild. Reproduziert und hohl. Selbst hier schleicht sich die Leere ein, die fehlende Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit, vor allem der eigenen, dem eigenen Dahinwelken. Das nicht einmal mit der neuesten Technik aufgehalten werden kann.


