Trauma und Selbstgerechtigkeit …

Trauma und Selbstgerechtigkeit …

Trauma und Selbstgerechtigkeit …

Lesedauer:

9–13 Minuten

😭

Ich kann nicht behaupten, dass es mir nicht schon immer ein Rätsel ist, wie Männlichkeit, als Idee, als Konzept, die offensichtlichen Widersprüche aushalten kann, die sich im Inneren auftun. Da gibt es Strategien, Workarounds, die dem Mann helfen, den Widersprüchen aus dem Weg zu gehen, sollten sie denn auftauchen. Als Junge gibt es da keine Rätsel, meistens. Da gibt es nicht einmal ein Licht am Ende des Tunnels. Als Junge bekommt man Männlichkeit erklärt, ohne dass Worte gewechselt werden müssen. Sie wird sogar mit der Muttermilch getrunken. Auch wenn das doppelt traurig ist. Sie umgibt einen wie ein Resonanzfeld. Es ist eine Schwingung, eine Frequenz, die in Symbolen, Geschichten, Objekten und und und verschleiert räsoniert. Es spielt auch kaum eine Rolle, wie genau die Erziehung abläuft. Was die Ideale sind, die Eltern vermitteln möchten oder es aus Versehen tun. Mann ist eingebettet. Es gibt kein Außen. Es gibt bestenfalls eine Perspektive auf etwas, das möglich ist. Es kommt darauf an, wie tief man drin sitzt, oder ob man eh schon am Rand platziert ist, weil man vielleicht zögert, bevor man zuhaut, weil man nicht so mutig ist, weil man Angst hat oder weil man sich nicht so einfach davon losmachen kann, wenn man sieht, wie Mama sich tot schuftet, während Papa wartet, dass der Kaffee durchgelaufen ist, den er sich natürlich nicht selbst einschenkt. Aber die Zeiten sind ja zum Glück vorbei … oder? Egal ob die Zeiten nun vorbei sind, die Zeit, in der man sich dem Rätsel entziehen kann, sollte für jeden Mann ab einem gewissen Alter vorbei sein.

Es knirscht, knirscht, knirscht

Aber wie geht man mit den Widersprüchen um, wenn man größer ist und grundsätzlich in der Lage sein sollte, über den eigenen Oberlippenbart hinwegzusehen? Ein Ausflug in den Scherenschnitt: Das Perfide am Mannsein ist, dass es Empathie aus mehreren Richtungen unterminiert. Wir leben alle in Sorge, unabhängig der Geschlechtszuordnung. Während „Mädchen“ nicht sonderlich subtil auf VerSorge getrimmt werden, sind „Jungen“ BeSorger. Die Frau kümmert sich, der Mann schafft die Kohle ran. Soweit der Scherenschnitt. Natürlich kann man einwerfen, hey, vielleicht war das in den 50gern so, aber heute, nee. Dann viel Spaß beim Durchstöbern der Regale in durchschnittlichen Spielzeugabteilungen. Dazu kommt, dass weiterhin bei Mädchen die soziale und emotionale Kompetenz betont, fast fetischisiert wird, während Jungen noch immer systematisch eine normale, diverse emotionale Entwicklung vorenthalten wird. Männliche Erziehung der letzten (ist es eine zwei-, drei- oder eine vierstellige Zahl?) Jahre hinterlässt keine ganzen Menschen. Ein MannMann ist höchstens ein halber Mensch. Ein emotionaler Kasper Hauser. Bei Mädchen ist das sicher ähnlich. Du sollst nicht dies, du sollst nicht das, für ein Mädchen gehört sich das nicht. Und Lasse-Kevin-Andreas, Finger weg von den Puppen! Sonst wirst du schwul. Oder schlimmer, ein Mädchen?

Wir können uns gerne hinstellen und einfach behaupten, dass wir heute Kinder nicht mehr so erziehen und deshalb ist das auch kein so wichtiges Thema mehr. Können wir. Ist halt dumm. Weil keines der Kinder in den nächsten 30 Jahren relevante gesellschaftliche Entscheidungen treffen wird. Dafür sorgen wir alten Drecksäcke schon. Sieht man ja gerade, wie die Welt von verhaltensauffälligen Arschgeigen im besten Alter abgefackelt wird. Und wenn wir so weiter machen, dann sind die Entscheidungen, die diese Generationen treffen müssen, eher in der Richtung, wer wann und wie lange an den Wasserhahn mit sauberem Wasser ran darf. Selbst wenn es heute Fortschritte in der Erziehung gibt, müssen wir uns als Gesellschaft noch mindestens mit vier Generationen Männer rumschlagen, von denen der ein oder andere mal der Überzeugung war und vielleicht sogar noch ist, dass es so etwas wie Vergewaltigung in der Ehe nicht gibt. Und diese Männer besetzen Entscheidungspositionen hartnäckiger, als sich jeder Klimaaktivist sonst wo festkleben kann. Wie kommen wir da raus?

Jeder MannMann weiß, was ein MannMann ist.

(Der Verzicht auf ein Herbert-Grönemeyer-Zitat geschieht hier mit voller Absicht.)

Es gibt ein diffuses Bild, ein Konzept von Männlichkeit. Man kann es nicht einmal in Worte fassen oder definieren. Es ändert sich je nach Schicht, Klasse, Region und kulturellem Background. Die einen zupfen sich die Augenbrauen, die anderen lassen sich sogar die Arschhaare bis zum Boden wachsen. Möchte man es anfassen, glibscht es durch die Finger wie ein formloser Blob. Von außen kommt man nicht weiter. Aber was ist, wenn man nach innen sieht? Da muss etwas sein, etwas das anschlussfähig ist, das die Diskrepanz zwischen Erlebtem und Empfundenem moderiert. Etwas, das die ganzen Bildstörungen, die gesellschaftlichen Reibungen, die Ungereimtheiten und Probleme weghobelt, abschmirgelt, glatt bügelt. Es ist eine Idee der Dominanz. Ein Gefühl der Berechtigung. Es ist ein verführerisches Bonbon, das sich da versteckt.

Wenn beim Ertönen der Glocke bei Pawlows Hund der Sabber fließt, sammelt sich im Glied des Alpha-Männchens das Blut beim Bimmeln des Dominanz-Buzzers. Womöglich damit das Blut im Hirn bloß keinen Schaden am Trugbild anrichtet.

Man kann sich auch hinstellen und sagen, der Verweis auf das Patriarchat als Grundproblem ist zu einfach. Aber das ist lediglich ein netter Versuch, einen Sachverhalt durch den Verweis auf eine vermeintliche Einfachheit zu diskreditieren, weil man a) der Komplexität der Auswirkungen des Patriarchats auf sämtliche Strukturen nicht gewachsen ist oder b) sich nicht damit auseinandersetzen möchte, da man selbst, auch wenn man es nicht wahrhaben möchte, Teil eines Problems sein kann, gerade weil es strukturell ist und damit in alles hineinmetastasiert. Doch diese Erkenntnis setzt eine gewisse Ambiguitätstoleranz voraus, die es zulässt, bei sich ein Defizit zu erkennen und dabei nicht in eine Täter-Opfer-Dynamik zu verfallen, sondern weiterhin Akteur zu sein, aufgeklärt, selbstkritisch, progressiv. Dafür braucht es allerdings eine emotionale Reife als Basis, die es dem Individuum möglich macht, den inneren Tumult auszuhalten und trotzdem zu etwas Positivem zu verarbeiten. Dumm nur, dass es gerade daran fehlt. Siehe: Erziehung. Siehe: Halber Mensch. Und das ist ein großes Problem. Männer müssen einen Weg aus der Männlichkeit, wie sie ihnen beigebracht wurde, herausfinden, ohne dass ihnen die Mittel mitgegeben wurden. Trotzdem müssen sie das selbst schaffen. Der Feminismus kann ihnen das nicht abnehmen. Mama wird ihnen das nicht abnehmen und auch kein Alpha-Tier, dem sie nachdackeln können. Genauso wenig, wie man einer Person eine Therapie abnehmen kann. Wenn du da raus willst, dann musst du da raus. Das heißt nicht, dass man sich keine Hilfe holen kann. Aber die Hilfe kann nur Hilfe zur Selbsthilfe sein. Und so könnten wir in einer Welt leben, in der Männer das Patriarchat einreißen wollen.

Wenn wir uns allerdings der Komplexität des Problems aus Selbstschutz, Überforderung oder Faulheit entziehen und sich nicht jeder einer kritischen Selbstbetrachtung unterzieht, werden wir immer weiter patriarchale Strukturen, Erzählungen und Strategien reproduzieren. Bewusst oder unbewusst, aber wirkmächtig. Das kann niemand wollen, der seine Murmeln halbwegs beisammen hat.

Wir müssen mehr wollen

Die feministische Bewegung sammelt sich hinter der Forderung, mehr zu wollen. Die zugewiesene Schublade wird als Beschränkung erkannt. Das bezieht sich nicht nur auf Strukturen der Unterdrückung, sondern auch auf das Vorenthalten von Gefühlen, Bedürfnissen und Leidenschaften. Diese bilden sich um das Gegenstück der Vorenthaltung, die Männer in ihrer prägenden Kindheit erfahren. Dieser Doppelzonk treibt die feministische Bewegung voran. Männer profitieren vom patriarchalen Ablasshandel, der den Monozonk erträglich machen soll. Ja, halber Mensch, aber dominant. Auch wenn du auf Schicht die letzte Pfeife bist, kannst du ja immer noch deine Frau und vielleicht sogar noch die Kinder rumkommandieren. Und wenn dir dabei die Hand ausrutscht, weil du vollkommen unfähig bist, ambivalente Gefühle zu navigieren, dann gucken wir weg oder suchen Ausreden für dich. Das Private als Eigenreich.

Das Tragische daran: Die Leerstelle im Inneren ist einfach immer zu groß, egal was Mann reinschmeißt. Es nagt, es knirscht, es fehlt und es zersetzt. Es braucht noch eine Erzählung, etwas, das den Verlust, den Schmerz und den Frust umdeutet, damit der ganze Dreck irgendwie läuft.

Sinn-Surrogat Aufopferung

Die Erzählung ist die des Opfers. Und dabei geht es nicht um die wirklichen Opfer. Es geht um das empfundene Opfer, das abstrakte Opfer. Das Opfer, in das sich Täter kleiden, um ihre Taten als Natur, als berechtigt umzudeuten. Diese Opferrolle wird nochmal verstärkt durch den Zusatz der Pflicht. Der Begriff der Pflicht entbindet den Täter von der Eigenverantwortung bezüglich seiner Taten. Es ist die Banalität des Bösen, die uns da anstarrt. Eine Denkweise, die in Filmen gern so dargestellt wird: Ein bewaffneter Mann bedroht eine unschuldige Person, gern ein Kind oder eine Frau, und droht dem Helden gegenüber. Du hast die Wahl, ob ich schieße. Du zwingst mich zu handeln. Wenn ich schieße, ist es deine Schuld. Hier agiert der Antagonist nach dem Schein-Opfer-Schema. Wenn sich Mel Gibson in Payback an der eigenen Gewalt berauscht, dann weil er ja um sein Kind kämpft. Als Kollateralschaden muss man da schon Verständnis haben. Diese männlichen Narrative sind die Formen, in die sich die Manosphäre ergießt, wie ein pubertierender Jüngling beim ersten feuchten Traum in die Bettdecke.

Eines dieser Alpha-Sandkuchenförmchen ist James Bond, eine typische maskuline Kulturikone, die Männlichkeit in der Popkultur verhandelt und wie ein schlechtes Blatt am Tisch verteilt hat (Casino Royal Referenz my Ass): Selbstgerecht mit der Lizenz zum Töten und konsequenzlosem Rumbumsen. Aber naja, die letzte Irritation, sorry, Iteration, war ja ganz anders. Gebrochen, vielschichtig, vom Leben gezeichnet. Aber von welchem Leben? Des Lonely Wolves? Der „schwierige“ Entscheidungen treffen musste … or what? Und wie stirbt dieses Kulturgut im (vorerst) letzten Teil der Franchise? Er stirbt den Opfertod. Um uns alle zu retten.

Die männlichen Narrative triefen nur so vom einsamen Helden, der sich für die Gesellschaft opfert. Sein Leben gibt. Frauen und Kinder zuerst. Aber wer hat das Schiff eigentlich gegen den Eisberg gesteuert? Eigentlich ist John Wick, als moderne Variante der James-Bond-Nummer, erfrischend ehrlich. Von Beginn an ist klar, der Grund für das ganze Geballer steht in keinem Verhältnis. Nie. Und jeder Schuss basiert auf dem davor, auf dem davor und davor, und warum schießen wir eigentlich? Die Gewalt wird zur ewig weiterlaufenden Berechtigungsmaschine. Aber er ist ein Mann und er hat seine Ehre – oder einen toten Hund – und er kann nur in eine Richtung, sich opfern, für das Große. Was auch immer das ist. Und das alles, um die Leerstelle zu füllen, die der halbe Mensch in sich fühlt und keine Worte dafür findet.

Sneaky Shit

Hier kommt die Perfidie der Konstellation ans Licht. Das Opfernarrativ formt das Trauma zur Selbstgerechtigkeit um und verstellt den Blick auf das tiefliegende unerfüllte Defizit. Der Gedanke des verwundeten Mannes wird vom MannMann missbraucht. Allerdings sieht er in der Gleichberechtigung die Täterin, die ihm die Männlichkeit nimmt. Zumindest ist das die Losung, auf die die ganzen Möchtegern-Alphas eingeschworen werden, damit sie bloß nicht merken, wie sie verarscht werden.

Statt zu sagen, mir reicht das Halbe nicht, wie es die feministische Bewegung tut, kippt der Horst ins Selbstmitleid des armen, ausgebeuteten und missverstandenen Mannes, der, um seine Männlichkeit zu bewahren, das Recht auf Gegenwehr hat. Sein Schaden muss auf die Anderen übertragen werden. Was für eine kolossale Scheiße. Und wir alle stecken drin. Was wir gerade auf einer kulturellen Ebene erleben, wird oft als Backlash bezeichnet, vielleicht ist es auch die Agonie der Männlichkeit. Was es auch immer ist, es ist angetrieben von Selbstgerechtigkeit, die sich von einem Trauma nährt, das durch das Patriarchat erst entstanden ist und gleichzeitig gegen den Menschen selbst gerichtet instrumentalisiert wird. Das darf eben nicht als Entschuldigung gelten. Gerade weil der Mann durch das Patriarchat verwundet ist UND im Patriarchat privilegiert ist.

Umso tragischer, dass MannMann durch seine patriarchale Prägung der Verantwortung, die mit Privilegien einhergeht, kaum gewachsen ist. Alles bezieht sich auf ihn, sein Recht, seinen Status, seine Impulse. Seine Mittel sind beschränkt und unzuverlässig, da sie im ständigen Widerspruch zur Umwelt stehen, was der Kränkung, dem Frust und dem ideologischen Wahn den Boden bereitet. Das Ergebnis ist die Zerstörung von Ressourcen, Gewalt und Unterdrückung. Die Schäden, die daraus resultieren, können wir uns nicht mehr leisten. Männern muss klar sein, dass es keinen Verlust der Männlichkeit gibt. Es gibt nur einen Zugewinn an Menschlichkeit. Es liegt an jedem Mann selbst, unabhängig seiner persönlichen Geschichte, was er sein möchte. Ein Mann oder ein Mensch.

| Von:

|

Thema: