Sinn-Attrappen für die 21st Century Idiot Boys
Wenn Sam Altman auf die Frage nach dem hohen Energieverbrauch seiner AI-Knochenmühle angesprochen entgegnet, ein Mensch brauche in seiner Entwicklung ebenfalls Unmengen an Energie in Form von Nahrung, Bildung, Rohstoffe, bis er „smart“ ist, dann sollten wir diese Aussage als Chance sehen. Als Chance zur Selbstbetrachtung und als Chance, die Kommunikationsmechanismen der hart asozialen Geldbeutel zu betrachten.
Das Interessante an den Aussagen sind sicher nicht ihre Inhalte. Wirklich, die sind nicht interessant. Die sind blöd. Aber ihre Blödheit ist in ihrer Struktur hinterlistig. Diese List lässt sich hervorragend beobachten, wenn man sich zu Gemüte führt, wie die Tech-Assis in der Vergangenheit (leider zum Teil noch heute) von der Öffentlichkeit in realitätsferne Narrative gewickelt wurden. Zum Teil werden sie das leider noch heute. Der Podcast über Peter Thiel ist da ein hervorragend gruseliges Beispiel. Die List daran ist, dass sie in ihrer Präsentation wie Gedanken, Theorien, Haltungen oder gar Philosophien wirken.
Randnotiz zur Selbstbetrachtung: Wenn man a) denkt, dem Typen wurde aber gehörig ins Hirn …, dann ist das schon einmal ein gutes Zeichen. Wenn man sich allerdings b) dabei ertappt zu denken, hm, da hat er ja schon einen Punkt, dann sollte man wirklich in Erwägung ziehen, die eigenen Hirnwindungen zu kärchern – umgehend.
Money, money, money.
Um das Verhältnis der „Tech-Elite“ zu ihrer Basis zu verstehen, muss man sich die Motivation beider und die kommunikative Verbindung betrachten.
Wenn immer wieder behauptet wird, dieser Tech-Fascho-Sumpf hätte eine Philosophie, dann tut man dem Wort Philosophie unrecht. Die Tech-Fascho-Philosophie von Thiel und Konsorten ist wie eine Designer Lampe aus dem Baumarkt. Vielleicht eine Lampe, aber mit Design hat sie nicht viel zu tun. Woran liegt das? Warum ist es keine Philosophie? Weil eine Philosophie versucht Strukturen zu erklären. Es ist die Suche nach tieferliegenden Wahrheiten und Erkenntnissen. Die dann als Leitfaden zum Handeln dienen können. Es geht darum verstehen zu wollen. Was ist Moral? Was ist moralisches Handeln? Was ist Glück? Wie kann ein Staat funktionieren? Was ist Freiheit und wie verhält sie sich zur Freiheit der Anderen? Kategorischer Imperativ is calling, but who the fuck is actually listening?
Die Tech-Bros sind an diesen Fragen nicht interessiert. Sie wollen machen was sie wollen. Woher der eigene Antrieb kommt, wie niederträchtig, gefährlich oder blöd er ist, spielt keine Rolle. Er wird vom Ich legitimiert, weil das Ich alles ist. Und der Rest ist am Arsch.
Das Geschäftsmodell im Spätkapitalismus ist nicht mehr von Konkurrenz geprägt, oder vom längeren Atem der besseren Idee. (Ob es das jemals war, who knows). Das Modell ist mit Geld, Kapital, Macht jede Konkurrenz zu ersticken, ausbluten zu lassen, damit das eigene Geschäftsmodell überdauert. Nicht weil es besser ist, sondern weil es das Einzige ist, das es noch gibt. Siehe Amazon oder YouTube oder KI. Alternativlos ist das Stichwort: Welches Geschäftsmodell überdauert eine dermaßen lange Zeit im Minus? Nur das Modell, das in der gleichen Zeit die sinnvolleren Alternativen eliminiert. Als sinnvoll kann man hier auch die Partizipation der Gesellschaft an der Wertschöpfung bezeichnen.
Die Visionen der Tech-Sonnenkönige sind nur leere Marketingversprechen, mit dem Ziel mehr Geld zu machen. Da wird kein Service oder Produkt verkauft, das für die Konsument:innen einen Mehrwert bietet. Die Innovation liegt in der eigenen Kapitalvermehrung. Und damit die funktioniert, müssen die destruktiven Praktiken von den Schäden abgekoppelt werden. In der Wirtschaft nennt man das externalisierte Kosten in der Gesellschaft selbstgerechtes Arschloch.
Im Gegensatz zum Old-School Info-Spin der Ölmagnaten, wie es z.B die Koch-Brothers jahrzehntelang betrieben haben, haben die neuen Brandstifter eine andere Strategie: Die Verbindung von Ursache und Konsequenz, Aktion und Reaktion wird nicht verschleiert oder geleugnet, sie muss vollständig aufgelöst werden. Darauf basiert die performative Genie-Inszenierung der Tech-Bros. Dahinter ist nichts. Keine Vision für eine bessere Welt oder eine Vision für irgendeine Welt, dafür fehlt der Horizont. Denn die Betrachtung der Welt ist hier lediglich eine Nabelschau und das einzige was man bei der am Horizont sieht ist das traurige Gehänge hinter dem Nabel.
Die Blödheit wird zum empfundenen Gedankengang.
Was bleibt ist die Obsession, von den Konsequenzen der eigenen Handlungen freigesprochen zu werden. Das ist das verbindende Element der mächtigen und möchtegern mächtigen Männchen. Dafür lassen sie ihre Gedankenluftblasen in den Himmel steigen. Ein Beispiel für eine ähnliche Gedankenluftblase konnte man in der Last Week Tonight Sendung zum Thema Twitter bestaunen. Dort wurde ein schöner Clip gezeigt, in dem Elon Musk auf eine recht banale Nachfrage bezüglich einer seiner steilen These an der Antwort scheitert. Ein Scheitern, das etwas zu Tage holt. Es ist die Leere hinter den „Gedanken“, die sich offenbart. Denn die Kommunikation dieser Genies funktioniert in etwa wie Werbebotschaften. Sie verweisen diffus auf ein in der Gesellschaft verankertes Etwas. Sei es ein Versprechen, eine Sehnsucht oder ein tradierter Sinn, der selbst nichtmal mehr vorhanden sein muss. Die Legende reicht. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Durch Sportwagenkauf vom Pfosten zum Ständer. Die zur Schau gestellte Sprechhülse ist der Minnesang vom starken Mann.
Das ist Wasser auf die trägen Hirnmühlen blödheitsdurstiger Tech-Bro-Jünger, die in ihrer selbstverleugneten Überforderung nach jedem Grashalm greifen, der ihnen den Aufstieg zum Plateau der Überlegenen verspricht. Oder, was auch witzig ist, es sogar schafft ihnen weiszumachen, dass sie dort längst sind. Oder, und jetzt wird es gemeingefährlich, dort hingehören und vom bösen Anderen daran gehindert werden. Das böse Andere? Frauen, Trans-Personen, Linke, Grüne, Ausländer:innen oder der Evergreen des instrumentalisierten Gruppenbezogenen Menschenhasses: die Juden. Manchmal trifft es auch andere militante Staatszersetzende Subjekte, wie etwa Fahrradfahrer:innen. Das ganze ist beliebig as shit. Und darum so böse.
→ Siehe Radikaler Opportunismus.
Das Böse bezeichnet alles andere als böse, um die eigene Boshaftigkeit zu verschleiern.
Im Kalten Krieg gab es den Spruch: Wenn es der Kreml leugnet, dann wirds schon stimmen. Das gleiche lässt sich heute über die Kommunikation rechter, rechtspopulistischer, faschistischer Player (aka. das weiße Haus, Af-ucking-D etc.) sagen.
Das Ganze hat etwas parasitäres. Die Blödsprech Verbreitenden saugen Sinn ab. Das ganze soll den Eindruck erwecken, dahinter stünde ein feiner Geist, ein intellektuell potentes Wesen – ein Genie. Ein:e Akteur:in die kompetent ist, alle Probleme zu lösen. In Wahrheit ist da nichts. Da ist ein wirres Verweisen, ein postmoderner Beliebigkeitsbrei, der allein als Geste taugt. Aber das reicht auch schon. Weil die gläubigen Jünger nicht nachdenken wollen. Sie wollen gefühlt nachdenken. Wie ein Pumper gefühlt stark ist, weil er stark aussieht, auch wenn er in einem grenzdisfunktionalen Fleischberg gefangen ist.
Der Ablauf erinnert ein wenig an damals, als der erste Matrix-Film in die Kinos kam. Da kamen die ganzen Schlaumeier aus dem Kino und waren ganz beseelt von der tiefphilosophischen Auseinandersetzung mit der Realität. Dabei fand die nicht statt. Was da war, war eine smarte Comic-Verfilmung, viel Geballer und für damals beeindruckende Special Effects. Der besondere Twist, der Zuschauer hatte über die Unterhaltung hinaus das Gefühl, nachgedacht zu haben. Aber das hatten sie nicht. Sie haben konsumiert. Sonst nichts. Interessanterweise waren es meist Männer, die beim Bier jede:n mit ihrer „Philosophie“ vollgesülzt haben, die nicht bei drei auf einem Baum war. Ich kann mich an keine einzige Frau erinnern, die von der „Alles ist eine Simulation und Konsequenzen sind auch keine echten Konsequenzen weil Simulation und so Idee“ so ergriffen war.
Alles hohl, so wie der Kaugummi Freiheit verspricht oder der SUV einen spannenden Lifestyle. Nichts davon ist wahr. Nichts davon tut, was es behauptet. Die Aussagen sprechen nicht von dem Gesagten und das Gesagte ist auch nur ein verschwommener Verweis auf etwas, das kulturell irgendwie verankert ist oder war oder behauptet gewesen zu sein. Aber bei näherer Betrachtung ist der Mist so ungenau, so diffus und verschwommen, dass die Beliebigkeit maximale Anschlussfähigkeit ermöglicht. Alles eine Behauptung. Eine die nur ein Ziel hat, den Absatz ankurbeln. Kauft ihr Idioten. Mein Nahrungsergänzungsmittel, mein Self-Help-Book, mein Hass-Pamphlet. Und wenn ihr schon nichts kauft, dann klickt wenigstens auf den Scheiß Link, damit die Werbe-Revenue stimmt. Mehr Geld, mehr Macht: too big to fail.
21st Century Idiot Boys
Auf der einen Seite haben wir Akteure, die sich unendlich an ihrer enthemmten Gier nach Macht, Ressourcen, Geltung etc. aufgeilen. Auf der anderen Seite sind die Idiot Boys, die ganz im Fan sein aufgelöst, so sein wollen. Was beide vereint ist der gleiche Feind: die Realität. Für die Gier-Boys hält die Realität die Konsequenzen ihrer maßlos destruktiven Lebensweise für die Allgemeinheit bereit. Für die Idiot-Boys, naja, die Tatsache, dass sie gerne so sein wollen, aber eben nicht sind. Der Grund ist das System, dass sie anhimmeln. Aber der Truth Bomb wird mit klassischem Duck and Cover entgangen. Damit die Realität nicht ran kommt, ans Hirn, muss man sich ihres Mittels entledigen. Der Sprache, der Vermittlung zwischen Erlebten und dem Konstrukt, dass sich bildet.
Das Ziel, die Deutungshoheit durch den Spin der Information zu erlangen, wie es in der Vergangenheit praktiziert wurde, ist zu anstrengend. Die Deutungsunmöglichkeit ist viel attraktiver. Sie befreit das agierende Arschtum von der Last der Kohärenz.
Das Denken eines Elon Musk bezieht sich längst nicht mehr auf den originären Akt, sondern nur noch auf den unscharfen Eindruck, den die Abbildung des Aktes in seinem verstörten Bewusstsein hinterlassen hat. Diese Abbildung wird nachgespielt. Simuliertes Denken. Nur wer simuliertes Denken mit denken verwechselt, kann künstliche Intelligenz als intelligent empfinden. Simulierte Intelligenz. Wie kleine Kinder die Familie spielen und das für sie sichtbare Verhalten der Eltern nachspielen. Mit dem Unterschied, dass diese Kinder mit der Zeit ihre Wahrnehmung nachjustieren. Sie lernen.
Aus Verzweiflung klammern sich die Männer an die Simulation der Männlichkeit, weil ihnen im Patriarchat niemand beigebracht hat ein voller Mensch zu sein, der mit Angst, Sorge, Scham und Schuld gesund umgehen kann. Sie kennen nur Wut, Wut auf das Andere, das den Versuch startet etwas Anderes auszuprobieren, von dem sie sich ausgeschlossen fühlen. Das Patriarchat vorenthält ihnen das Rüstzeug, in einer diversen Gesellschaft Sinn aus ihrem eigenen Selbstwert zu ziehen. Denn ihr Selbstwert selbst ist nur eine Simulation. Ein performativer Akt. Und viel zu oft ist dieser Akt ein Akt der Gewalt.
Sie sind wortwörtlich unvollständig, da Eigenverantwortung in ihrer Welt nur funktioniert, wenn wie bei ihren Vorbildern, die Konsequenzen ihrer Taten, von ihnen abgekoppelt werden. Ihre Selbstwirksamkeit als autarke unabhängige Alphas ist selbst eine Simulation. Und die Realität in der sie leben ist Konstruktivismus in seiner übelsten Form, nämlich der, die nicht mehr nach der Nützlichkeit der Konstruktion für die Allgemeinheit fragt.
Laut Baudrillard findet die Realität eh nicht mehr statt. Sie wurde längst von einer simulierten Realität abgelöst. (Und nein, Dieter, damit meinte er nicht die Matrix-Trilogie.) Dieser Gedanke allein ist gruselig genug. Aber auch das ist vorbei, wir sind längst weiter, tiefer in der Shitshow. Wir leben im Zeitalter des Fraktalen, das wiederum die Simulation abgelöst hat. Jegliche Bezugspunkte haben sich aufgelöst und verweisen beliebig auf etwas, das beliebig auf etwas verweist, das beliebig auf etwas verweist. Gehaltlos, wertlos, blöd. Was wir erleben ist die Simulation von Politik, die Simulation von Arbeit, die Simulation von Beziehungen und die Simulation von Denken. Im Medienzeitalter heißt es nicht mehr Ich denke also bin ich (cogito ergo sum), sondern Ich sehe also ist es (Video ergo est). Und was wir sehen, ist der enthemmte Griff einer wohlstandsverwahrlosten von der Realität abgekoppelten Gruppe nach Macht, die sich die Agonie des Patriarchats zunutze machen. Der einzige Weg, dem ein Ende zu bereiten, ist ihnen ihr Spielzeug wegzunehmen: Ihr Kapital. Das wird den ein oder anderen Beta-Alpha zum Weinen bringen. Aber hey, vielleicht ist das der erste Schritt auf der Suche nach den eigenen Gefühlen. Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer für die Bros.


