Regress is going strong 👍

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Regress is going strong 👍

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6–10 Minuten

😭

Das Bild zeigt zwei winzige Kaktenen auf einem Plexiglasregal.

Polykrise: ein Wort, das mir in den vergangenen Jahren immer wieder untergekommen ist. Was ist das? Viel. Und wir sind mittendrin. Mitten in der Polykrise. Alles fliegt auseinander. Die Wirtschaft schwächelt, die Demokratie bröselt, Bündnisse zerbrechen und das Klima, das kriselt, mit sechzig Jahren Anlauf ungebremst. Dem entgegen steht Rechtsruck, reaktionärer Müll und Gewaltfantasien möchtegern allmächtiger Würstchen mit problematischem Selbstbild. Regress is going strong. Und Hass ist ein Geschäftsmodell.

Ist es nicht eine faszinierende Eigenschaft des enthemmten Kapitalismus, dass sich wirklich alles monetarisieren lässt? Hass. Lügen. Zwietracht. Krieg. Zerstörung. Nur der Menschlichkeit scheint der Markt abhanden zu kommen.

Während vorherige Generationen noch das Privileg hatten, sich um eine Krise nach der anderen zu kümmern (Old School Loser), haben wir (Digital High Performance Loser) es nun mit einer Fülle von Krisen zu tun. Sogar die Krisen sind im 21. Jahrhundert in der Multitasking-Hölle angekommen. Ob das jetzt wirklich so ist und ob es nicht schon immer mehrere Krisen gegeben hat, weiß ich nicht zu beurteilen. Die Welt war immer komplex. Die Wahrnehmung hat sich geändert.

Ein Begriff wie Polykrise beschreibt vielleicht treffend den aktuellen Zustand. Aber er verleitet auch dazu, die Krisen als eigenständig zu betrachten. Und das sind sie nicht. Denn all diese Krisen haben eine Schnittmenge und die ist so offensichtlich, dass sie gerne abgetan wird. All diese Krisen wurden von einem bestimmten Männlichkeitsverständnis verursacht. Einem Verständnis, das über kurz oder lang allen das Leben zur Hölle macht. Für viele ist es das schon.

Intersektionales Denken ist der Schlüssel, die Zusammenhänge und Machtverhältnisse zu verstehen, die diese Krisen ausgelöst haben, am Laufen halten und miteinander verknüpfen, bedingen, verstärken. Wir müssen das Wissen der Wissenschaft anwenden, nicht bestreiten. Das Problem am intersektionalen Denken und der Wissenschaft ist, die Ergebnisse stehen nicht auf der Anzeigetafel im Stadion und am Grill wird selten über die Eigenverantwortung an der aktuellen Shitshow gefachsimpelt. Weil die anderen ja schuld sind. Easy.

Schau dich mal in deiner Bezugsgruppe XY-Chromosom um.

Ist dir eigentlich klar, wer da drin ist und sein widerliches, verletzendes, destruktives, beleidigendes Verhalten damit rechtfertigt, so zu sein wie du? Ein Mann. Seine „Natur“ lässt ihn so sein. Ist das auch deine „Natur“? Ist das okay? Hast du dir schon mal die Begründung eines Gerichtsurteils durchgelesen, in dem einem Täter entgegengekommen wird, weil er „als Mann“ sich nicht unter Kontrolle haben konnte? Weshalb das Opfer sich anders hätte verhalten müssen, bei allem Mitleid, aber jetzt mal ehrlich, der Arme wurde ja schon doll provoziert. Ehre und Männlichkeit und Stolz und Gesichts-, Schwanz-, Kontrollverlust etc. pp. Ist dir klar, wie miserabel das Männerbild im Patriarchat ist? Wie düster das Menschenbild?

Niemand zwingt dich, Teil dieser Gruppe zu sein. Oder doch? Bleibst du dabei, weil das Patriarchat dir verspricht, dass du dafür belohnt wirst, dass Härte sich auszahlt, dass Dominanz Sicherheit bringt, dass du ein Recht auf Kontrolle als Geburtsrecht hast? Glaubst du auch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen? Oder ist der ganze Rollenkram eine Lüge, die du glauben willst? Hast du Angst davor, selbstständig und mutig zu sein? Wann zum Teufel beziehst du Position? Oder warum bist du still? Weil nach unten treten die Gruppentherapie echter Männer ist?

Du hast eine Wahl. Und du triffst sie jeden Tag.

Männer fahren zu schnell. Weil Rücksicht nervt? Männer saufen zu viel. Weil Gefühle verdrängt werden müssen? Männer wissen alles. Weil es ein Zeichen von Schwäche ist einzugestehen, dass man keine Ahnung hat? Männer werden aggressiv beim kleinsten Zweifel, weil Zweifel das ganze fragile Konstrukt zum Einsturz bringen kann. Sie bauen Unfälle. Üben Gewalt aus. Sind beratungsresistent. Handeln rücksichtslos.

Sind alle Männer so? Kann man alle über einen Kamm scheren? Nein? Warum gibt es dann keinen hörbaren Aufschrei bei … z. B. Femiziden? Da gäbe es einiges zum Schreien. Wenn du nicht dazu gehören willst, wo ist deine Stimme dagegen?

Leider fehlt uns dank der High-Dopamin-Kur, die wir uns in den vergangenen 20 Jahren als Gesellschaft unterzogen haben, die Aufmerksamkeit und der Fokus, eine der Krisen konstruktiv anzugehen. Wir sehen, wir verstehen (wenn man ehrlich ist) und wir verlieren den Faden, ständig. Oder er wird uns aus den Händen geschlagen, von Akteuren, die viel Geld dafür ausgeben, damit wir den Überblick verlieren. Klimaleugner, Maskulinisten, Rechtspopulisten, Libertäre, Tech-Bros …

Hinter denen steckt Geld und hinter dem Geld steckt Öl und Macht. Das sind keine Verschwörungserzählungen, das sind öffentlich einsehbare Zahlen. Weißt du noch, was Zahlen sind? 90 % der Tatverdächtigen bei Tötungsdelikten sind Männer. So. Und? Was jetzt.

Wer sitzt im Weißen Haus, wer im Kreml, wer im Politbüro und wer in der Knesset. Wer verschanzt sich in den Bunkern und Gräben, baut Bomben in Höhlen, hält Predigten und schwingt sich auf, für die eine, die Einzige, die eigene Wahrheit zu kämpfen. Männer, die lieber die Welt abbrennen, als zuzugeben, dass sie Angst haben, dass sie überfordert sind, dass sie nicht wissen, wie es weitergeht.

Wo war ich?
Der Faden:

Es gibt viele Initiativen, Organisationen und engagierte Akteur:innen für eine solidarische, gerechte Gesellschaft. Im vollen Wissen, dass es kompliziert und herausfordernd ist. Aber der Gegenwind ist massiv. Er ist massiv, weil er verzweifelt ist. Verzweifelt, weil das Patriarchat und mit ihm der Kapitalismus ums Überleben kämpfen. Opfer sind wir alle. Nicht jede:r im gleichen Ausmaß, aber ausreichend, dass es lohnt, sich dagegen zu stellen.

Das Gelächter war groß, als Annalena Baerbock von einer feministischen Außenpolitik gesprochen hat. Das Gelächter war Panik. Denn feministische Außenpolitik bedeutet: Verwundbarkeit anerkennen, Abhängigkeiten akzeptieren, Kompromisse eingehen, vulnerable Gruppen schützen, komplexe Sachverhalte als solche anerkennen und sich der Komplexität stellen. Auch wenn es bedeutet, dass man nicht sofort die Antwort hat oder erst einmal zuhört. Alles Dinge, die in der Schublade „Männlichkeit“ als zu sperrig wahrgenommen werden.

Warum lassen wir das zu? Warum stehen wir daneben?

In der Bar, wenn der ach so tolle Kumpel einen abgefuckten Spruch von sich gibt – und du schweigst, weil Widerspruch unangenehm ist. Wenn du erfährst, dass ein Mann einer Frau wieder Gewalt angetan hat. An der Wahlurne, wenn wir unser Kreuz bei inkompetenten Pseudo-Politikern machen, die sich der Realität verweigern – weil sie versprechen, dass die alte Ordnung zurückkehrt. Tradition, Werte, Blah. Endlich wieder kraftvoll zuhauen dürfen. Alles leerer Mist, Worthülsen, die davon ablenken sollen, dass sie mit leeren Köpfen dastehen, ohne jede Idee, nur eine der Polykrisen in den Griff zu bekommen. Jeder von uns kennt einen Täter. Woher weiß ich das? Statistik.

Das Patriarchat wird uns umbringen, wenn wir nichts dagegen tun.

Das Patriarchat verherrlicht den Heldentod nicht weniger als ein Prediger, der eine arme Wurst mit Sprengstoffgürtel in den Tod schickt. Den Kampf bis zur letzten Kugel. Die Verherrlichung des Territoriums, der behaupteten Verantwortung gegenüber der Familie. Die ganze Scheiße. Bevor sich Männer eingestehen, dass das Patriarchat eine Katastrophe ist, fackeln sie lieber alles ab. Ist das eine Prophezeiung? Nein, das ist die Logik des Systems. Muss das so sein? Was ist, wenn Krieg ist und keiner hingeht? Kein Krieg, du Idiot.

But – regress is going strong.

Es ist beileibe keine neue Erkenntnis, dass traditionelle Männlichkeit das große Grundproblem der Krisen ist, die wir gerade durchleben. Aber es ist eine entscheidende, denn es wird sich nichts ändern, wenn Männer nicht endlich begreifen, wie eng, wie absurd, wie lebensfeindlich die Rolle ist, die ihnen zugewiesen wurde. Für alle, auch für sie selbst. Fun Fact: Männer begehen fast doppelt so oft Selbstmord als Frauen. Frauen ziehen es öfter in Erwägung, holen sich dann aber generell eher Hilfe. Finde die Fehler. Hat man dich eigentlich gefragt, ob du ein Mann sein möchtest?

Die Agonie der Männer.

Aktuell erleben wir die Agonie eines Männlichkeitsmodells, das seit Jahrzehnten im Sterben liegt, und seinen skrupellosen Kampf gegen den eigenen Tod kämpft. Interessant dabei ist, dass die meisten Kämpfer selbst nie die versprochenen Privilegien erlebt haben. Da draußen ist eine Armada von empfundenen Alphas, die bereit sind, die liberale Demokratie abzufackeln, für das Gefühl, endlich mal der starke Mann zu sein. Das ist so verzweifelt, dass es einen in den Wahnsinn treiben kann.

Das Männlichkeitsmodell hat internalisiert, dass Schäden unter den Teppich gehören, in der Hoffnung, dass andere sie aufräumen. Das ist Care-Arbeit, die selten, wenn überhaupt, bezahlt wird. Da sind die Schäden der Petro-Maskulinität – weil Nachhaltigkeit linksgrünes (feminines?) Gewäsch ist. Da ist die Wunschvorstellung, dass Ressourcen unendlich sind – weil Grenzen akzeptieren hieße, das Luftschloss als solches zu benennen.

Wir fahren gegen die Wand und eine Mehrzahl der Männer sitzt auf der Rückbank und tut so, als wären sie nicht betroffen. What the Fuck?!

Es geht nicht um kritische Männlichkeit oder um Männer, die sich als Feministen bezeichnen.

Es geht um Männer, die realisieren: Dieses Rollenmodell ist Wahnsinn, war es schon immer und es macht zu viel kaputt. Wir müssen begreifen, dass „Eier haben“ nichts mit dem Rollenmodell zu tun hat, das uns übergestülpt wurde. Wer wirklich Eier hat, hält Angst aus, ohne sie auf andere zu projizieren. Wer wirklich Eier hat, kann Schwäche zeigen. Wer wirklich Eier hat, kann sagen: „Ich weiß es nicht.“ Wer Eier hat, hört auch mal auf die Person, die es besser weiß, auch wenn sie nicht zur eigenen Bezugsgruppe gehört. Wer wirklich Eier hat, braucht das verdammte Rollenmodell nicht. Wer wirklich Eier hat, braucht Floskeln wie „Eier haben“ nicht.

Wer wirklich Eier hat, ist in der Lage, auf seine Privilegien zu verzichten.

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