Das Glück am Boden

Das Glück am Boden

Das Glück am Boden

Lesedauer:

3–4 Minuten

😭

Mein Rad hat einen Platten. Gerade als ich es auf den Gehweg schiebe steht er vor mir. Braune Jacke, schwarze Hose, Schiebermütze, Ende 70 vielleicht. Er sieht mich an, zwei kleine dunkle Knöpfe, mit denen die Missgunst fest ans Gesicht geheftet ist. Neben sich hält er ein Leihrad und ich denke mir: hm, auf den ersten Blick sieht er nicht aus, wie jemand der sich ein Leihrad nimmt, eher wie jemand der sich Recht und Gesetz zurück wünscht. Was in seiner Welt sicher etwas anderes ist, als das Recht und Gesetz das bereits gilt. Aber das ist halt das falsche Recht und das falsche Gesetz.

Im erstem Moment bin ich mir nicht sicher wohin er will. Er schiebt das Rad weder Richtung Fußgängerüberweg, noch in irgendeine Richtung. Er schiebt diagonal, Richtung Straße, aber in die falsche Richtung. Die Gegenrichtung. Steh ich ihm im Weg. Sicher, irgendwie. Trotzdem nicke ich ihm zu. Der zarte Versuche etwas Luft aus dem sozialen Überdruckventil zu lassen, das in den letzten Monaten doch hart am ächzen ist.

Dann knallt es.
Ich dreh mich um,
das Rad liegt am Boden.
Hingeschmissen auf den Gehweg, wie so viele dieser Leihräder in Berlin.

Nur denkt man dann, ein achtloses Arschloch hat das Rad an Ort und Stelle liegen gelassen oder ein testosterongeplagter Jugendlicher hat das Ding aus „Spaß“ umgetreten.

Zum Glück ist meine Fußgängerampel rot, weshalb ich mir die Zeit nehmen kann zu beobachten was da gerade passiert. Der Krawallsenior shuffelt zurück zu dem Eckhaus, wo neben einer Amazon-Päckchenstation zwei Leihroller geparkt sind. Fein säuberlich, nebeneinander, brav und gewissenhaft. Neben mir an der Ampel stehen zwei junge Frauen, die ebenfalls von dem Schauspiel hypnotisiert werden. Was folgt ist faszinierend. Geladen wie eine Kanone voll Gülle zerrt er einen der Leihroller weg vom Haus. Der ausgeklappte Ständer macht es ihm schwer. Unbeholfen versucht er mit dem Fuß das Ding einzuklappen. In dem Moment wird klar, das Gerät soll zum Fahrrad fliegen. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Es ist ein Schutzlachen, ähnlich wie es mir beim letzten Akt von „The Substance“ aus dem Gesicht geschossen ist.

Die Ampel wird grün und während ich mich umdrehe, sehe ich noch wie ein junger Mann in seinen Dreißigern, Jogginghose, schwarze Mütze, kurzer Vollbart den Alten anspricht. Und für einen Moment ist nicht klar, will er ihm seine Hilfe anbieten, will er ihm eins reinwürgen oder will er wie wir alle nur wissen: what the fuck is wrong with you. Und das letzte was ich sehe ist wie der alte mit Beschwerdegästen auf den übrig gebliebenen Leihroller an der Wand zeigt. Was stehen die auch da!

Jetzt frage ich mich, warum, was ist da passiert? Es ist so einfach das Ganze in eine Erzählung zu gießen. Eine Momentaufnahme die eindeutig ist. Ich kann aus dem Alten einen AfD-Wähler machen, ein verbittertes Arschloch. Easy. Vielleicht stimmt das auch. Und dann muss ich an die ganzen umgekippten Leihroller und -Räder in Berlin denken, die überall in der Stadt auf den Gehwegen liegen und nerven. Scheiß Jugendliche denkt man sich da, scheiß Assis, Wohlstandsverwahrlosung und manche denken sicher auch scheiß Berlin. Und dann frag ich mich, vielleicht ist alles ganz anders. Missverständlich. Ambivalent. Unspektakulär. Vielleicht ist das sein Job. Vielleicht ist der arme alte Sack den ganzen Tag in der Stadt unterwegs, nimmt sich die korrekt abgestellten Mobilitätsangebote aus einer Zeit die ihm fremd ist und schmeißt sie um. Vielleicht ist er sogar bei der Stadt angestellt, um seine prekäre Rente aufzubessern. Image is everything. Und wo kommen wir dahin, wenn in Berlin die Dinger sauber am Wegesrand abgestellt sind? Das ist hier doch nicht München Jürgen. Und wenn das so ist, sage ich Danke. Danke alter Mann. Für Nichts, für Alles, für was weiß ich, das Material für diesen Text.

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